Mehr als lauwarme Cervisia

Die Craft Beer-Szene in London

Mehr als lauwarme Cervisia

Die Craft Beer-Szene in London

„Trink deine Cervisia. Sie wird sonst kalt!” – mit diesem Running Gag aus „Asterix bei den Briten“, und anderen flotten Sprüchen aus den Asterix Comics, bin ich aufgewachsen, wie viele andere meiner Generation. Mit viel zugespitztem Humor klärten uns die beiden Gallier ganz beiläufig über europäische Kultur auf. Klischees hin oder her – einiges davon blieb hängen.

Das englische Bitter, traditionell kellerkalt und ohne C02-Anlage gezapft (also „schal“), bestimmte die Wahrnehmung der englischen Bierkultur hierzulande über lange Zeit. Der übermäßige Alkoholkonsum mancher britischen Urlauber tut sein Übriges, unser Bild von der britischen Pubkultur zu diskreditieren. Doch übersieht der deutsche Biertrinker, wenn man ihn stereotypisch fassen kann, dank althergebrachter Vorurteile vielleicht etwas, wenn er bierselig „über den Kanal“ schaut?

The „Local“

Für viele ergeben sich die ersten Berührungspunkte mit englischer Bierkultur bei einem Städteausflug nach London, und dem Besuch eines meist zufällig gewählten Pubs. Ohne Zweifel ist die englische Pubkultur hier spürbar, denn an fast jeder Straßenecke gibt es ein lokales Pub, von den jeweils örtlichen Anwohnern auch liebevoll „(the) local“ genannt. Doch damit sind nicht die oftmals gesichtslosen Lokale der Innenstadt gemeint, dem Teil der Stadt, in dem sich überwiegend Touristen aufhalten, und den Einheimische freiwillig nur zum Arbeiten, oder für einen Museumsbesuch betreten. Vielmehr gemeint sind die vielen kleinen, ehrlichen Pubs der noch „lebendigen“ Wohnviertel, in die sich Touristen tendenziell seltener verirren. Somit wird es sicherlich schwer sein, beim ersten Pubbesuch überzeugt zu werden, wenn auch nicht unmöglich.

London hat sicherlich für jeden etwas zu bieten, es steht für jeden für etwas anderes: Touristenziel mit weltberühmten Sehenswürdigkeiten, Kultur- und Modemetropole, Hauptstadt, Partymeile, Hippstertum. Für mich hat die Stadt noch mindestens eine weitere Qualität: Sie ist ein auch ein „Craft Beer-Paradies“, eine Metropole der Klein- und Kreativbrauer, vielleicht sogar die heimliche Craft Beer-Hauptstadt Europas?

Anfang des Jahres konnte ich mich ausführlich mit dem Thema Craft Beer in London auseinandersetzen. Nach unzähligen Reisen in die britische Hauptstadt im Laufe der vergangenen 10 Jahre, hatte ich im Frühjahr 2019 zum ersten Mal die Gelegenheit, mehrere Monate dort durchgängig zu verbringen. Auch mit dem Thema Craft Beer war ich zuerst in London in Berührung gekommen. Bereits vor einigen Jahren, noch bevor der Hype um dieses Thema in Deutschland begann, tauchte diese Bezeichnung in einigen Londoner Pubs auf, um sich von üblichen Großmarken zu differenzieren. Damals ging es noch nicht darum, auf einen existierenden Hype aufzusetzen, denn dieser war noch nicht vorhanden. Es ging vielmehr um die eigentliche Bedeutung des Wortes, also „Handwerk“, im Gegensatz zur industriellen Produktion. Während meines Aufenthalts konnte ich an sehr vielen Orten der Stadt noch einiges von diesem handwerklich-ehrlichen Ethos spüren, und möchte hier in 3 Teilen davon berichten.

Teil 1: Ein Überblick

Die britische Pubkultur stützt sich zu einem großen Teil auf ein soziales Brauchtum, dem Treffen, Austauschen und dem „Miteineinander-Trinken“ im „local“, des lokalen Pubs, oder mit Kollegen nach der Arbeit. Eine große Zahl dieser Lokale sind vertraglich nicht an eine Brauerei gebunden, und können damit ausschenken, was sie wollen. Selbst Brauerei-eigene Pubs und große Pub-Ketten sind oftmals nicht verpflichtet, ausschließlich betriebseigene Biere zu verkaufen. So gehört es zu einem ordentlichen Bierlokal dazu, unbedingt örtliche Brauereien mit anzubieten, wenngleich auch klassische „Fernsehbiere“ – die großen Biermarken der Welt – parallel am Zapfhahn daneben zu finden. Sehr häufig sind mehr als ein halbes Dutzend „Biere vom Fass“ im Angebot, oftmals sogar deutlich mehr. So lässt sich eine entsprechende Vielfalt an den Zapfhähnen sehr gut abdecken.

Kultur oder Hippstertum?

Die Nachfrage nach lokalen Biermarken, und die Wertschätzung kleiner Brauereien vor Ort, bereiteten den Nährboden, auf der sich Londons Craft Beer-Szene entwickeln konnte. Das untrügerische Gespür für Trends vieler „Macher“ und Gründer der Stadt, gepaart mit dem Vorhandensein einer großen Gemeinde an Design- und Business-Spezialisten einer Dienstleistungsgesellschaft, tun ihr Übriges, und wirken zusätzlich als Katalysator (ein typsicher Standortvorteil vieler Großstädte). Nicht zu vergessen das dankbare Publikum, das immer offen für Neues und Innovatives zu sein scheint.

Schnell könnte man somit das Phänomen „Craft Beer“ als weiterer Spielball des Londoner Hippstertums abtun, doch ein genauerer Blick auf Qualität und Quantität offenbart deutlich mehr Substanz. Schon die Menge der Brauereien, die man zu den lokalen Klein- oder Kreativbrauern zählen kann, ist beeindruckend: Allein bei den online präsenten Brauereien zählt man mehr als 70 Marken, die man zweifelsfrei der Craft Beer-Szene zuordnen kann. Die Ziffer der noch kleineren, nur im lokalen Viertel bekannten Erzeuger und Braugaststätten, dürfte noch deutlich höher sein. Fast jede dieser Biermarken verfügt, wie üblich, über ein Portfolio an Biersorten, oder braut von vornherein nur Kleinserien. Die faszinierend gute Qualität der meisten dieser Biere ist weitaus schwieriger in Zahlen zu fassen, aber sie steht den bekannten skandinavischen oder amerikanischen Craft Beer-Brauer, oder auch den deutschen, selten nach.

Vielfalt auf einer Meile

Die Vielfalt kennt auch hier keine Grenzen, so wie es von vielen beim Thema handwerkliches Bier erwartet wird. Alltägliche Bierstile scheinen dabei allerdings auch in London weniger im Vordergrund zu stehen, denn das englische Bitter und die Lagerbiere sind tendenziell seltener anzutreffen. Das heißt aber nicht, dass nur IPA und Co gebraut werden. So hat sich die The Kernel Brewery im Stadtteil Bermondsey beispielsweise auf den wallonischen Saison-Stil spezialisiert. Dazu verwenden sie einen Hefestamm, den die Gründer der Brauerei, zusammen mit anderen Brauern der sogenannten Bermondsey Beer Mile, bereits 2012 eigenhändig von Nordfrankreich nach London importierten. Basierend auf dieser Saison-Hefe experimentieren The Kernel speziell mit verschiedenen Produktions- und Reifungsmethoden, wie z.B. dem Einsatz von Holzfässern bei der Gärung. Im Jahr 2011 gegründet, produziert das Unternehmen heute 10.000 HL Bier pro Jahr, und beschäftigt 13 Personen. Damit ist The Kernel die größte und älteste Brauerei auf der berüchtigten Brauereimeile im Stadtteil Bermondsey.

Neben Saison-Bieren interessieren sich die Macher von The Kernel aber auch für traditionelle Londoner Biersorten, und brauen mit ihrem Bier Export Stout London 1870 einen englischen Vertreter des Stouts nach überliefertem, traditionellem Rezept aus dem 19. Jahrhundert. Dieses Bier kommt international so gut an, dass es sogar zu den besten Stouts des Bewertungsportals ratebeer.com zählt. Gleich nebenan brauen die Jungs von Anspach & Hopday ein Stout, und fügen als kreative Abwandlung Meersalz und Chili hinzu. Gleichzeitig widmet sie diese Brauerei besonders gerne den alten deutschen Bierstilen, denn diese gelten in London als exotisch. So findet man an den Zapfhähnen des eigenen Taprooms ein fast schon originales Rauchbier mit Bamberger Rauchmalz, ein unverändertes Schwarzbier, oder eine klassische Berliner Weisse oder Gose.

Sauer im Süden

Gerade die die verschiedenen Sauerbier-Stile scheinen sich besonders großer Beliebtheit unter der Kreativbier-Szene der Stadt zu erfreuen, denn seit einigen Jahren gehört zum Sortiment der meisten Londoner Kleinbrauer mindestens ein Sauerbier, wenn nicht sogar eine Auswahl verschiedener Kreationen. Nicht nur bei Brauern, auch bei den Konsumenten existiert hier eine große Fangemeinde dieser besonders erfrischenden Stile, nicht nur im Sommer. Manche Brauereien, wie z.B. die Brick Brewery in Peckham, einem der noch kurz vor der Gentrifizierung stehenden Viertel Südlondons, investieren den größten Teil ihrer kreativen Arbeit in Sauerbiere.

So konnte man im Frühjahr 2019 am Stand der Brick Brewery auf der größten englischen Craft Beer-Messe, der Craft Beer Rising im hippen Londoner Stadtteil Shoreditch, bei regelmäßig mehr als 150 britische Kreativ- und Kleinbrauer ihr Portfolio und Können zur Schau stellen, ein ganz besonderes Duo zweier speziell entworfen Sauerbiere verkosten: Die Inspiration der beiden Kettle Sours auf Basis von Milchsäurebakterien waren die Vermouth-Cocktail-Klassiker Manhatten Sour und Martini Sour. Durch die Zugabe von Gewürzen und Früchten, und im Falle des Manhatten Sour-Bieres einer Reifung in Kirschholzfässern, wurden die jeweiligen geschmacklichen Charakteristiken dieser Cocktails in den Sauerbieren erzeugt.

Die hierbei besonders auffallend kreative Herangehensweise der Brauer kann man auch bei anderen modernen, englischen Brauereien häufig beobachten. Mehr als anderenorts, und speziell auch in London, ist der Druck zur Individualisierung und Spezialisierung höher, denn beispielweise nur ein ordinäres, englisches India Pale Ale zu brauen, würde hier zu keinerlei Differenzierung führen, und erst recht keine Stammkunden heranziehen – schließlich wurde dieser Bierstil hier erfunden, und findet sich ähnlich regulär wie Pils und Co in deutschen Landen am Pub-Zapfhahn wieder.

Moderne Klassiker im Osten

Das heißt dennoch nicht automatisch, dass es, wie im Falle der Sauerbiere der Brick Brewery, immer die Zugabe von Zusätzen wie Früchte oder Gewürze benötigt, um sich außergewöhnlich zu differenzieren. Auch herausragende Qualität und Vielfalt bei klassischer Rezeptur können selbstverständlich zu Erfolg führen. Wer sich davon überzeugen möchte, kann dies z.B. bei einem frisch gezapften New England IPA in der Howling Hops Brauerei tun. Brauerei und Ausschank befinden sich in einem alten Manufakturgebäude ganz im Osten East Ends, direkt am River Lee in Szeneviertel Hackney Wick. Da alle Biere direkt aus einem der 10 Lagertanks hinter der Bar gezapft werden, nennt die Brauerei ihren Taproom auch Englands erste Tankbar. Die Brauerei braut hauptsächlich Pale Ale- und IPA-Varianten mit immer neuen Kombinationen interessanter, aromatischer Hopfensorten, aber zugleich auch deutsche Stile, wie z.B. ein bayrisches Hefeweizen und ein Bier im Stile eines Kölsch, die beide jeweils eingefleischte Lokalpatrioten überzeugten würden.

Craft vs. Kommerz

Auch außerhalb der Brauereien und deren Taprooms enttäuscht die Londoner Bierlandschaft nicht. Wie eingangs erwähnt bieten unzählige Pubs die Bierspezialitäten der jeweils im Viertel ansässigen Kleinbrauerei an, ein Blick auf die am Zapfhahn angebrachten Logos der Biere lohnt in jedem Falle bei der Bestellung. Auch „crafty“ Pub-Ketten wie Brewdog und die Craft Beer Company betreiben eigene Filialen in allen wichtigen Ausgehviertel Londons – allein die beiden genannten Gruppen zusammen mehr als 20 Lokale. Ebenso finden sich spezialisierte Craft Beer-Händler in den üblichen Wohnvierteln der interessierten Klientel (z.B. die Filialen der Londoner Spezialisten Mother Kelly’s).

Die große lokale Nachfrage durch Pubs und Handel erklärt auch zu einem großen Teil, warum man in deutschen Craft Beer-Kneipen und -Handel relativ wenig aus dem so großartigen Londoner Angebots zu sehen bekommt: Die Kapazitäten der meisten Brauereien sind durch die lokale Nachfrage bereits erschöpft, weitere Märkte ließen sich meist nur durch weiteren Ausbau der Einrichtungen bedienen.

Die Verlockung, hierbei den üblichen Wachstumsmechanismen zu verfallen, scheint groß. So verkaufte die Beavertown Brewery im Nordlondoner Tottenham einen 40%-großen Firmenanteil an den „Erzfeind“ Heineken, um das notwendige Kapital für einen großen Wachstumsschritt zu beschaffen, und wurde von vielen Fans dafür bitter abgestraft. Andere Brauereien, wie z.B. die Camden Town Brewery, wurden gleich komplett an die großen Getränkekonzerne verkauft. Eine Entwicklung, die sicherlich nicht zur Vielfalt des Bierangebots beitragen wird, aber für das Gros der kleinen Lokalbrauer keine Option darstellen wird – zum Glück der verwöhnten Biergenießer.

Ob die Gallier doch noch auf den Geschmack der lauwarmen Cervisia gekommen sind, ist nicht ganz klar. Bei aller Satire der Asterix Comics kann man ihnen doch zugutehalten, dass sie über den Tellerrand des gallischen Dorfes geschaut haben. In London lohnt es sich, die touristisch ausgetretenen Wege auch in Sachen Bier zu verlassen, um die wirklich interessanten Produkte zu finden und zu genießen. Dabei hilft es ungemein, manches Vorurteil zu hinterfragen. Schließlich sind wir „Goten“* doch auch nicht alle grobschlächtige Liebhaber heroischer Marschmusik.

*„Asterix bei den Goten“

Vorschau

Die nächsten beiden Teile der Beitragsserie werfen ein genaueres Licht auf die „Bermondsey Beer Mile“, und geben darüber hinaus einen Überblick über empfehlenswerte Hotspots für einen gelungenen Biergenuß-Trip nach London.

Eine gute Gelegenheit, hochwertiges Londoner Bier hierzulande zu verkosten, bietet der Kernel Showcase, der am 6. und 7. September 2019 in einigen deutschen Städten stattfindet (Stuttgart: Mon Petit Café). Außerdem bietet die Bierothek Stuttgart am 21. September ein Tasting zum Thema „Craft Beer aus England“ an.

Alle Bilder (C)opyright Daniel Tech
Alle Bilder (C)opyright Daniel Tech, Verwendung nur im Zusammenhang dieser Artikelserie erlaubt.

Über Daniel Tech

Der Autor Daniel Tech ist leidenschaftlicher Biergenießer und begeisterter London-Reisender. Er organisiert und moderiert Craft Beer-Tastings seit Beginn der deutschen Craft-Welle, und führt ebenso kleine Reisegruppen durch London. Sowohl bei den Tastings, als auch bei Touren, gehört englisches Craft Beer zu seinen Fachgebieten. 2019 kam ein mehrmonatiger London-Aufenthalt hinzu, um sich dem Thema ausgiebig zu widmen.